Es war in der Zeit, als das noch ganz junge „Bläserensemble“ seine ersten Auftritte absolvierte. Damals sagte unser Gründungsmitglied Ernst Schroeder eines Tages: „Wir brauchen eine einheitliche Tracht!“ Er war als Gemeinderat mit den formalen Dingen vertraut, hat irgendwie Geld bekommen, und eines Tages kam Ernst mit den grünen Joppen und den Tölzer Stopselhüten, die wir heute noch tragen. Sein Vorbild waren die Tölzer Schützen, da er uns Pullacher als im weitesten Sinne zum Isarwinkel gehörig betrachtete. Die knielangen Röcke der Tölzer Schützen hat Ernst nicht übernommen, da er „uns die langen Röcke nicht hätte verkaufen können.“ Und so bekamen unsere Joppen die zeitgemäß kurze Form eines modernen Jacketts. Ernst hat offensichtlich Wert auf Qualität gelegt und gute Materialien ausgesucht, da sowohl die Joppen als auch die Hüte bis heute kaum Abnutzung zeigen. Ich war damals ein Musiker unter vielen, und als ich mich zum ersten Mal im Spiegel sah, dachte ich: „Jetzt bin ich auch einer von denen – diese Spaßvögel, die Tracht tragen!“

 

Anlässlich der Vereinsgründung wurde ich 1.Vorsitzender, und eines Tages beschloss ich, mich um die Westen zu kümmern. Dieses Thema hat einen breiten Raum mit vielen Recherchen über Trachten eingenommen. Unser Heimatpfleger empfahl mir auf Anhieb den Dachauer Schnitt, weil wir uns als Musiker wie in der alten Zeit an der Dienstkleidung der Starnberger Gerichtsschreiber orientieren müssten. Seiner Begründung nach sei Pullach früher dem Amtsgericht Starnberg unterstanden, Grünwald hingegen dem Landgericht München, weshalb dort die Miesbacher Tracht getragen wurde. Die typischen zwei Knopfreihen der Dachauer Tracht wurden durch das Foto eines Pullacher „Bauern Westermeier“ aus dem Fundus des Herrn Deprosse bestätigt.

 

Mit bis zu 20 Stück der silbernen Knöpfe pro Reihe auf der Weste ließen die Dachauer Bauern ihren Wohlstand „heraushängen“. Unser Pullacher Bauer war wohl nicht ganz so wohlhabend. Wir auch nicht. Deshalb haben wir nur sechs Knöpfe pro Reihe – nicht aus Silber, sondern aus Blech. Dafür sind sie groß und tragen aber auch nicht das Maria-Theresien-, sondern das bayerische Wappen.

Es wurden zwei Farben für die Westen diskutiert, Gelb oder Rot. Ein Buch über die Psychologie der Farben sagte, Gelb sei die Farbe der Unverbindlichkeit, der Diplomaten. Rot hingegen sei die Farbe des Angriffs, der Könige und Herrscher. Wir ließen zwei Musterwesten anfertigen, und in einer Abstimmung wurde Rot gewählt – als Signal schlechthin. Zur Auswahl des Farbtons hatte ich drei verschiedene Stoffmuster erhalten. Auf einen Stuhl im Wohnzimmer habe ich die grüne Joppe gelegt, darüber die drei Stoffmuster drapiert und sie am Morgen, am Mittag und am Abend betrachtet, um herauszufinden, welche Tönung am besten zu unserer Joppe passt. 

Den Loden für die Vorderseite der Westen hatten wir von der Tuchfabrik Gebrüder Mehler aus Tirschenreuth, den Rückenstoff und die Knöpfe von der ORAG am Jakobsplatz bezogen. Den letzten Entwurf, sodass die Westen sowohl offen als auch geschlossen tragbar sind und die Knöpfe immer voll zur Geltung kommen, übernahm ein Konfektionär. Die Anfertigung besorgte die Westenfabrik Scherer GmbH in Großwallstadt in der Nähe von Aschaffenburg.

 

Josef Krammel